Stik_family_ret.jpgWeisse Farbe, fünf schwarze Striche, ein Kringel – und schon kommen Geschichten in Gang. Der Künstler Stik braucht nicht viel, um sein Publikum zu fesseln. Im ganz wörtlichen Sinne bringt er die Urban Art auf den Punkt. Und das ist so eindrucksvoll, so frappierend, dass einem die krakelig sympathischen Figuren nicht mehr aus dem Kopf gehen. Im Vereinigten Königreich wird Stik längst als neuer Banksy gefeiert, höchste Zeit also, diese Werke dieses Stars der Urban Art Szene nach München zu holen. Der Galerie Kronsbein ist es gelungen für die erste Schau in Deutschland bedeutende Werke von Stik zu erwerben und in der bayerischen Metropole erstmals zu präsentieren.

Raumimpression_4Wer sich in England aufhält, kommt an den Strichmännchen kaum vorbei. Ständig trifft man in London auf die «stick figures» – so der englische Begriff –, schon durch ihr Ausmass sind sie nicht zu übersehen. Und wer in Heathrow landet, kann bereits vom Flugzeug aus ein beachtliches Beispiel entdecken: «Single Mum», eine Mutter, an die sich ein Baby kuschelt, zieht sich seit Herbst 2014 im Stadtteil South Acton knapp 40 Meter in die Höhe. Damit hat Stik eine der grössten Wandmalereien des Landes geschaffen und zugleich ein Zeichen gesetzt. Denn im ziemlich maroden Gebäude befinden sich ausschliesslich Sozialwohnungen, und Mama und Kind blicken nicht gerade glücklich auf ein Bauprojekt mit Luxusapartments. «Bezahlbares Wohnen ist in Grossbritannien bedroht», kommentiert Stik seine Arbeit und erinnert daran, «dass alle Menschen ein Dach über dem Kopf brauchen».

Für den Künstler ist das nicht irgendein Statement, Stik weiss sehr genau, wovon er spricht. Noch um das Jahr 2000 hat er selbst auf der Strasse gelebt, und Toiletten geputzt, um irgendwie durchzukommen. Erst das Zeichnen konnte ihn aus diesem Albtraum befreien. Strich für Strich. «Ich fühlte mich immer unsichtbar», erzählt er über seine schwierige Vergangenheit, «aber die Street Art wurde meine Möglichkeit zu zeigen, dass ich hier bin».

Ein Rest alter Wandfarbe und eine Spraydose genügen, das ist billig und «der schnellste Weg, eine menschliche Figur zu ziehen, ohne geschnappt zu werden», sagt der inzwischen Mitte Vierzigjährige. Und während Banksy, der große Unbekannte, mit seinen fix platzierten Stencils spöttelt und den Finger in Wunden legt, geht es Stik immer um die Gemeinschaft. Er interessiert sich für ihre Probleme, redet mit den Leuten vor Ort und fragt übrigens auch um Sprüh-Erlaubnis. Erst dann landen seine Kommentare zu einer sich verändernden, bedrohlicher werdenden Welt auf Hauswänden, Türen, Mauerresten: Zwei, die sich innig umarmen, ein Männchen, das vergnügt an einem Regenabflussrohr turnt, eine Niqab-Trägerin, Hand in Hand mit ihrem vermutlich westlichen Freund, oder ein schlafendes Baby, das ein Londoner Kinderkrankenhaus ziert.

Seit Stik 2002 das erste Wandbild signiert hat, geht es aufwärts. Seine meist androgynen Figuren tummeln sich längst nicht mehr nur in London, sondern auch in New York, Oslo, Berlin… Sie mögen simpel wirken, doch ihre Körpersprache ist komplex und voller Emotionen. Eine scheinbar nebensächliche Kurve, gesenkte Lider und vor allem die Art der Gestik sagen mehr als viele Worte. Schüchtern sind diese Gestalten mit ihren dürren Beinchen, verletzbar und doch auch trotzig. Das macht sie anrührend und unbeugsam zugleich. Kein Wunder also, dass Urban-Art-Fan Bono und Kunstkenner Elton John zu den Sammlern zählen und die Preise für echte Stiks explodieren.

Neben Stik werden in der Galarie Kronsbein in München auch Werke von Urban Art Künstlern wie Banksy und Blek le Rat und Pop Art Künstlern wie Andy Warhol, Roy Lichtenstein, Tom Wesselmann, gezeigt. (bis7. September 2017)

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